Plötzlich schlechter hören auf einem Ohr: Was Sie jetzt tun sollten
Lassen Sie das Ohr bald untersuchen, am besten innerhalb von ein bis zwei Tagen und bei starkem Schwindel noch am selben Tag. Es kann harmloses Ohrenschmalz sein oder ein Hörsturz. Was es ist, zeigen erst der Blick ins Ohr und ein Hörtest. Bis dahin stecken Sie bitte nichts ins Ohr, auch kein Wattestäbchen.
Sie nehmen morgens das Telefon und halten es wie immer ans linke Ohr. Die Stimme am anderen Ende klingt seltsam weit weg, als läge Watte im Ohr. Sie schlucken, gähnen, drücken mit dem Finger auf den Knorpel vor dem Ohr und wechseln dann auf die rechte Seite, wo alles klar klingt. Am liebsten würden Sie erst einmal abwarten, ob es bis zum Nachmittag von selbst wieder aufgeht.
Genau hier lohnt es sich, nicht zu lange zu warten. Wenn ein Ohr plötzlich schlechter hört, kann das einen ganz harmlosen Grund haben. Es kann aber auch ein Hörsturz sein, und dann kommt es auf die ersten Tage an 14. Selbst können Sie das leider nicht unterscheiden, auch wenn Sie noch so genau in sich hineinhorchen.
Was dahinterstecken kann
Der häufigste und harmloseste Grund ist ein Pfropf aus Ohrenschmalz. Er verstopft meist nur ein Ohr, das sich dann dicht anfühlt und manchmal juckt 3. Beim Arzt lässt er sich leicht entfernen 1.
Andere Gründe liegen ebenfalls im Gehörgang oder im Mittelohr. Eine Entzündung im Ohr bringt oft Schmerzen und Druck mit, manchmal auch Fieber oder Ausfluss 3. Auch das Trommelfell kann einreißen, etwa nach einer Entzündung, nach einem sehr lauten Knall oder bei starkem Druckwechsel im Flugzeug 3.
Beim Hörsturz liegt das Problem tiefer, im Innenohr. Dort sitzen die feinen Sinneszellen, die Töne in Signale für den Hörnerv übersetzen. Typisch ist, dass das Hören auf einer Seite plötzlich nachlässt 12. Viele merken es beim Aufwachen oder am Telefon. Manche hören kurz davor ein lautes Ploppen 4. Dazu können weitere Beschwerden kommen 1:
- ein Pfeifen oder Rauschen auf derselben Seite (Tinnitus)
- Schwindel
- ein Gefühl von Druck oder Watte im Ohr
- ein pelziges, taubes Gefühl am Ohr
Bei mehr als neun von zehn Betroffenen finden Ärzte keine klare Ursache 2. Vermutet werden unter anderem Entzündungen durch Viren, Durchblutungsstörungen im Innenohr oder Stress 2. Am häufigsten trifft es Erwachsene um die 50, Frauen und Männer etwa gleich oft 2.
Beim Lesen der Fachinformationen ist mir aufgefallen, dass das Wattegefühl zu beidem passt. Es kann vom Ohrenschmalz kommen, aber genauso ein Zeichen für einen Hörsturz sein 13. Das staatliche Gesundheitsinstitut der USA rät ausdrücklich davon ab, einen plötzlichen Hörverlust einfach auf Ohrenschmalz, eine Allergie oder die Nebenhöhlen zu schieben 4.
Was Sie jetzt tun können und was besser nicht
Stecken Sie bitte nichts ins Ohr, weder Wattestäbchen noch Finger, auch wenn es sich verstopft anfühlt 3. So verlockend das Nachbohren ist, es klärt nichts.
Rufen Sie stattdessen in Ihrer Hausarztpraxis oder direkt in einer HNO-Praxis an. Wer plötzlich schlechter hört, bekommt in der Regel eine Überweisung zum Ohrenarzt 1. So schnell sollten Sie hingehen:
- innerhalb von ein bis zwei Tagen, wenn der Hörverlust stark ist oder Sie sehr belastet, wenn Sie schon eine andere Erkrankung am Ohr haben oder wenn Ihnen schwindelig ist 1
- noch am selben Tag, wenn der Schwindel sehr stark ist 1
- ebenfalls zügig, wenn das Ohr schmerzt oder Flüssigkeit herausläuft 3
Auch wenn es Ihnen nur nach wenig vorkommt, lassen Sie es lieber anschauen, als wochenlang abzuwarten. Beginnt eine Behandlung erst nach zwei bis vier Wochen, lässt sich ein bleibender Hörverlust seltener noch rückgängig machen 4.
Mein Tipp: Schreiben Sie sich vor dem Termin ein paar Zeilen auf: seit wann Sie schlechter hören, auf welcher Seite, ob ein Pfeifen oder Schwindel dabei ist und ob Sie vorher erkältet waren, geflogen sind oder in großem Lärm waren. Und sagen Sie schon am Telefon das Wort „plötzlich“. Dann weiß das Praxisteam gleich, dass es nicht um eine normale Kontrolle geht.

Was beim Ohrenarzt passiert
Zuerst schaut die Ärztin oder der Arzt mit einem Mikroskop ins Ohr 2. Sitzt dort ein Schmalzpfropf, wird er entfernt 1.
Mit einer Stimmgabel lässt sich grob klären, ob das Problem im Mittelohr oder im Innenohr liegt 2. Danach folgt ein genauer Hörtest mit Kopfhörern, das sogenannte Audiogramm 2. Sie hören dabei Töne in verschiedenen Höhen und geben ein Zeichen, sobald Sie einen Ton wahrnehmen. Von einem Hörsturz sprechen Fachleute, wenn das Gehör innerhalb von drei Tagen bei drei nebeneinanderliegenden Tonhöhen um mindestens 30 Dezibel schlechter geworden ist 4. Dezibel ist die Einheit für Lautstärke. 30 Dezibel weniger heißt grob, dass ein Ton deutlich lauter sein muss, bevor Sie ihn hören.
Ist Ihnen schwindelig, wird auch der Gleichgewichtssinn geprüft 2. Später können noch eine Blutuntersuchung oder eine Kernspintomografie, kurz MRT, dazukommen, um seltene andere Ursachen am Hörnerv auszuschließen 12. Meist geschieht das erst, wenn die akute Phase vorbei ist 2.
Wie ein Hörsturz behandelt wird
Ein Hörsturz bessert sich oft von allein. Fachleute schätzen, dass er bei 32 bis 65 von 100 Betroffenen wieder verschwindet 1, meist innerhalb von ein bis zwei Wochen 4. Wann und wie weit das Hören zurückkommt, kann aber niemand vorhersagen 1.
Ist der Hörverlust gering und verstehen Sie Gespräche noch gut, kann man gemeinsam mit der Ärztin auch erst ein paar Tage abwarten 12. Sonst wird meist Kortison eingesetzt, ein Wirkstoff, der Entzündungen dämpft. Üblich sind Tabletten für einige Tage. Reichen sie nicht oder kommen Tabletten für Sie nicht infrage, kann das Mittel auch ins Mittelohr gespritzt werden 1.
Wie gut Kortison beim Hörsturz wirkt, weiß man übrigens gar nicht so genau. Es gibt bisher nicht genug aussagekräftige Studien dazu 1, und eigens für den Hörsturz zugelassen ist kein Medikament 2. Deshalb müssen Betroffene die Behandlung meist selbst bezahlen 1.
Überrascht hat mich eine große deutsche Studie. Darin wurden 325 Menschen mit deutlichem Hörsturz per Los auf drei Gruppen verteilt. Zwei Gruppen bekamen sehr hoch dosiertes Kortison, die dritte die übliche Menge 5. Die hohe Dosis half nicht besser, führte aber häufiger zu Nebenwirkungen 5. Mehr Kortison ist hier also nicht automatisch besser 2.
Bessert sich das Gehör nach der ersten Behandlung nicht, kann Kortison noch direkt ins Mittelohr gegeben werden. Eine Auswertung mehrerer Studien fand dafür einen Nutzen im Vergleich zu keiner Behandlung, allerdings sind die Daten dazu noch nicht sehr verlässlich 5. Manche Praxen bieten außerdem eine Behandlung in der Sauerstoff-Druckkammer an. Ob sie wirkt, ist nicht eindeutig belegt 2.

Wenn das Ohr nicht ganz zurückkommt
Insgesamt gelten die Aussichten als eher gut, viele Betroffene hören nach einer Weile wieder besser 2. Je stärker der Hörverlust am Anfang war, desto eher bleibt etwas zurück 2. Ein neuer Hörtest nach der Behandlung und noch einmal nach etwa sechs Monaten zeigt, wo Sie stehen 2.
Hört ein Ohr dauerhaft schlechter, kann ein Hörgerät helfen. Bei sehr starkem Verlust kommt auch ein Cochlea-Implantat infrage 2. Das ist eine Hörprothese, die bei einer Operation ins Innenohr eingesetzt wird. Bis das geklärt ist, hilft im Alltag ein kleiner Kniff: Setzen Sie sich im Lokal oder am Familientisch so, dass die Menschen, mit denen Sie reden möchten, auf der Seite Ihres besseren Ohrs sitzen.
Wann Sie zum Arzt gehen sollten
Sehr selten hören beide Ohren auf einmal schlechter. Dann gehen Sie bitte umgehend zur Ärztin oder zum Arzt 2.
Häufige Fragen
Tinnitus oder Hörsturz: Wie unterscheide ich das?
Tinnitus ist ein Ohrgeräusch, zum Beispiel ein Pfeifen oder Rauschen. Ein Hörsturz ist ein plötzlicher Hörverlust im Innenohr. Beides kann zusammen auftreten, das Geräusch sitzt dann oft auf der Seite, die schlechter hört. Ob das Hören wirklich nachgelassen hat, zeigt nur ein Hörtest beim Ohrenarzt.
Warum habe ich Tinnitus nur auf einer Seite?
Für ein Ohrgeräusch auf nur einer Seite gibt es verschiedene Gründe, einer davon ist ein Hörsturz. Kommt das Geräusch plötzlich und hören Sie auf dieser Seite auch schlechter, lassen Sie das Ohr innerhalb von ein bis zwei Tagen untersuchen. Bei starkem Schwindel gehen Sie noch am selben Tag.
Kann man wegen Ohrenschmalz plötzlich schlecht hören?
Ja. Ein Pfropf aus Ohrenschmalz verstopft meist ein Ohr, das sich dann dicht anfühlt, und beim Arzt lässt er sich leicht entfernen. Bitte helfen Sie nicht selbst mit Wattestäbchen nach. Das gleiche Gefühl kann auch von einem Hörsturz kommen.
Fühlt sich ein Hörsturz an wie Watte im Ohr?
Das kann sein. Manche spüren nur Druck oder ein Gefühl wie Watte im Ohr und merken gar nicht gleich, dass sie schlechter hören. Deshalb lohnt sich auch bei diesem Gefühl ein Hörtest.
Geht ein Hörsturz von allein wieder weg?
Oft ja. Fachleute schätzen, dass er bei einem Drittel bis zwei Dritteln der Betroffenen von selbst verschwindet. Für den einzelnen Menschen lässt sich das aber nicht vorhersagen. Deshalb sollten Sie das Ohr untersuchen lassen und gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt entscheiden, ob Sie abwarten oder behandeln.
Über Julia
Julia schreibt für Gesundroutine. Sie ist keine Ärztin: Jeder Artikel stützt sich auf verlinkte Studien und Fachquellen und ersetzt keinen Arztbesuch.
Mehr über michQuellen
- Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), gesundheitsinformation.de (2023): Hörsturz
- Bundesministerium für Gesundheit, gesund.bund.de (fachlich geprüft von der Deutschen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie) (2025): Hörsturz
- NHS (National Health Service, Großbritannien) (2025): Hearing loss
- National Institute on Deafness and Other Communication Disorders (NIDCD), National Institutes of Health (2018): Sudden Deafness
- HNO (Springer Medizin), über PubMed Central (2024): Die HODOKORT-Studie und aktuelle Aspekte der Hörsturztherapie mit Glukokortikoiden (Plontke SK, HNO 72(6):389–392, DOI 10.1007/s00106-024-01458-3)
Stand: 25. Oktober 2026. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.
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